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15 März 2018

Die Passionswoche

Es weht immer ein Wind am Karfreitag, so als wollte uns der Ewige Vater daran erinnern, dass dieses stets erneut begangene Ereignis ein Akt der Liebe war, der die Welt bewegt hat.

Als Kind lief ich sofort los, wenn ich die Musikkapellen durch die Straßen ziehen hörte. Sie gingen die Mysterien holen, um sie zur Piazza zu bringen, wo dann die Prozession starten würde. Es schien mir, als würde die gewaltige Musik über die Trommelfelle direkt in mein Herz dringen, und der Anblick der Mysterien, dieser Christen aus Pappmaché, steigerte sich zu einem Pathos, den nur der Karfreitag kreieren kann.

Jedes Jahr während der Passionswoche gibt es überall Prozessionen, die sich durch die Gassen winden; begleitet von den Gesängen und Klagen der Laienbrüder, die uns an die alten Gebete erinnern, die das Leiden Christi beklagen.

Die Incappucciati, Männer mit Kapuzen, barfuß, nur mit einer Kette um die Knöchel, tragen ihr schweres Kreuz aus Holz.

„Sünden begeht man vielleicht jeden Tag“, sage ich immer, „aber erst in diesen Momenten wird man sich dessen bewusst.“ Also nimmt man selber die Tortur auf sich, um seine Sünden zu büßen, oder einfach, weil es schon der Vater so gemacht hat.

Das ist Ostern in Apulien, wunderbar eindringlich mit seinen religiösen und folkloristischen Riten, weil das Herz in präzisen Intervallen schlägt, so wie die Schläge der Troccole, der Ratschen aus Holz mit Eisengriffen. Diese erklingen anstelle der Glocken, welche an diesem Tag stumm bleiben.

„Vincenzo, nimm dein Hemd, ich habe es gerade gebügelt, es ist noch warm!“

– Das ruft meine Frau, und ich beginne mich anzuziehen: Dunkler Anzug und die schwarze Krawatte, weil man das Zeichen der Trauer nicht nur im Herzen tragen darf.

„Und du? Kommst du nicht zur Prozession?“, frage ich, während ich ein wenig Parfüm auftrage. frage ich, während ich ein wenig Parfüm auftrage.

„Ich muss den Fisch fertigkochen. Dann werde ich hinter der Addolorata gehen.“

Ich nicke, denn ich weiß, wie ergeben meine Frau dieser Marienfigur ist, seit auch sie die Leiden einer Mutter erfahren hat.

Dann gehe ich hinunter zur Piazza; in diesem Jahr möchte ich die Veronika tragen. Wegen meines Ischias habe ich das seit Jahren nicht mehr gemacht, aber heute habe ich Maria versprochen, dass mich kein Schmerz davon abhalten kann. Diese Freitagsprozession muss ich so begehen wie als junger Mann; denn wenn man nicht am Leiden teilhat, hat es keinen Sinn, danach die Auferstehung zu feiern, mit Lamm aus dem Ofen und Scarcelle (dem typisch apulischen Ostergebäck). Auch mit gezuckerten Taralli schlage ich mir den Bauch voll, aber vorher muss ich den Zwiebelkuchen essen: Was für ein Ostern wäre das sonst?

Unser Apulien ist reich an Mystik und Gastronomie. Diese schaffen eine Atmosphäre voller Sinneseindrücke, gefolgt von den ergreifenden Trauermärschen und dem Summen religiöser Lieder: wie in einer starke Theaterszene. Und ist das Theater nicht ein Ausdruck der Emotionen?

Die von Schmerz gezeichneten Gesichter, geschickt von Pappmaché-Künstlern geformt, die Lippen zusammengepresst ob des Verrates von Judas Iskariot, die von Tränen geschwollenen Augen des Heiligen Josef und das bleiche Gesicht der leidenden Maria, mit einem Dolch in der Brust und einem bestickten Taschentuch in der Hand: Eine Darstellung, die durch den Glauben erweckt wurde, und uns in ein Klima des Leidens führt, das die Sünde der Welt reinigt, und mich mit allen Sinnen ergreift.

Das Mysterium der Passion kann man überall erleben: in Francavilla Fontana, in Valenzano, in Noicattaro und Galatina. Die Passion wird ab Donnerstag begangen, dem sogenannten Abend der Sepolcri, die aber gar keine Grabmäler sind, sondern Altäre des Heiligen Abendmahls – mit Tellern mit Weizenkeimen.

In Bari Vecchia, der Altstadt von Bari, sagt die Tradition, dass die Anzahl der besuchten Sepolcri eine ungerade sein sollte. Keiner weiß wirklich warum, aber alle halten sich daran.

Bis Samstagmorgen sind wir dabei, wenn man in einigen Orten die Desolata von Kirche zu Kirche trägt: Die verzweifelte Maria auf der Suche nach ihrem Sohn. Szenen, die uns zurückführen zu alten Riten und Volksbräuchen, zu alten Geschichten, die der Südwind oder Ostwind hergetragen hat. Schirocco oder Levante, zwei Winde die immer gegenwärtig sind, und uns helfen die Traditionen am Leben zu halten und den Wunsch, sie niemals zu verlieren. Und deshalb muss am Karfreitag immer ein Wind wehen –  um uns an die Hiebe auf den Rücken eines Verrückten zu erinnern, der die Menschheit retten wollte.

 

Categoria: Erfahrungen